Interviews

Meine Geschichte, meine Entdeckungen.
"Die Geschichte vom weinenden Kamel" - Poster

Wie verbreitet ist die Lebensweise der Nomaden in der Mongolei?

Es leben immer noch viele Familien als Nomaden, aber ihre Zahl ist stark zurückgegangen. Früher haben die Familien alles selbst produziert, was sie zum Leben brauchten. Das ändert sich heute. Viele Nomaden stehen vor der Entscheidung, ob sie auf die traditionelle Weise weiterleben wollen oder können. Vor allem die Jüngeren wollen in die Stadt, sie wollen Coca-Cola trinken und Gameboy spielen.

Wann haben Sie zum ersten Mal von dem Musikritual gehört, das wir im Film sehen?

Ich bin in der Stadt aufgewachsen, ich bin die erste Generation in meiner Familie, die in der Stadt geboren ist. Meine Großeltern waren Nomaden, sie gingen in die Stadt. Für meine Großeltern gehörte das Musikritual noch zum normalen Alltag und war nichts Besonderes. Wenn Du jeden Tag eine Tasse Tee trinkst und es zu deinem Alltag gehört, wirst du es nicht unbedingt deinen Enkelkindern erzählen.

Von dem Ritual habe ich also nicht durch meine Großeltern erfahren, sondern durch einen Film. Anfang der achtziger Jahre habe ich einen Film gesehen, über eine Kamelmutter, die ihr Fohlen verstößt. Der Film strahlte eine ganz besondere magische Kraft aus. Viele Kinder haben geweint, als sie den Film gesehen haben. Ich glaube, ich habe am lautesten geweint: Die Kamele haben mir so leid getan. Der Film hat sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt. Wann immer die Rede von der Gobi war, kamen mir die Bilder aus dem Film in den Kopf und das wird auch immer so bleiben.

Was wäre aus dem Kamelbaby geworden, wenn das Musikritual nicht angewendet worden wäre bzw. nicht gewirkt hätte?

Das Kamelbaby hätte nicht aufgehört zu weinen. Das hätte kein Mensch ausgehalten. Dieses herzzerreißende Weinen. Kamele ertragen ganz schwer die Trennung von Mutter und Kind. Sie müssen das Trauma aufarbeiten und das erreichen die Nomaden durch Musik, durch Gesang.
Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, ist mir kein Fall bekannt geworden, wo das Ritual nicht funktioniert hätte. Ich habe mit vielen Nomaden darüber gesprochen, aber ich habe nie gehört, dass es nicht funktioniert.

Hat die Familie den Film gesehen?

Ich habe der Nomadenfamilie den Film gezeigt und ich muss sagen, ich war bei einer Abnahme noch nie so aufgeregt, wie bei dieser. Der Familie sind die Tränen gekommen und sie haben auch viel gelacht. Die Urgroßmutter war ein paar Monate zuvor gestorben. Ugna ist sehr nachdenklich geworden, als er seine Urgroßmutter gesehen hat. Sein Urgroßvater war sehr traurig über den Tod seiner Frau und hat in seinem Schmerz gesagt, dass er ohne sie am liebsten auch nicht mehr leben will. Es war sehr emotional. Aber sie haben auch viel gelacht. Der kleine junge ist inzwischen groß geworden und kann reden. Er war aufgeregt, seine Urgroßmutter zu sehen und fragte immer wieder: „Ist das bei uns zu Hause? Oder wie?“

Das Interview führte Andrea Kriegl für kino-zeit.de

Frau Davaa, mit „Die Höhle des gelben Hundes“ bedienen Sie sich wie auch bei Ihrem Regiedebüt an den Schätzen der mongolischen Tradition. Etwas einfallslos, nicht wahr?

Es ist mir klar, dass ich als Widerholungstäterin dastehe, aber eigentlich war und bin ich völlig unvoreingenommen. Ich schließe nichts aus, alles ist möglich. Meine Arbeit an meinem letzten Film hat mich so beeindruckt, dass ich wieder in meiner Heimat arbeiten wollte. Die Thematik der Story stand bereits vor dem unerwarteten Erfolg von der „Geschichte vom weinenden Kamel“.

Genießen Sie jetzt Narrenfreiheit an der Hochschule für Fernsehen und Film, an der Sie noch immer studieren?

Die HFF ließ mich meinen ersten Film ohne Einschränkungen in der Mongolei drehen. Ich durfte mein Team selbst zusammenstellen und wurde nur da unterstützt, wo ich wirklich Hilfe benötigte. Mehr Freiheiten kann ich mir auch nach einer Oscarnominierung nicht wünschen.

Sie folgen dieses Mal einer Nomadenfamilie durch den fruchtbaren Nordwesten der Mongolei und liefern intime Einblicke in deren Leben und Alltag. Wie viel davon ist authentisch?

Die Story ist das einzig fiktive. Die portraitieren Personen sind auch im wirklichen Leben eine Familie und haben mit Schauspielerei nichts am Hut. Ich bin mit einer unfertigen Idee in die Mongolei gekommen und machte mich auf die Suche nach einer geeigneten Familie. Erst als ich wusste, was und wen ich zur Verfügung hatte, fügte sich die Story allmählich zu einem ganzen. Ein wichtiger Bestandteil dieses Prozesses waren auch die eigenen Vorschläge der Nomadenfamilie, was sie für besonders wichtig erachteten.

Gab es mongolische Sitten, die Ihr ausländisches Team beachten musste?

Die mongolischen Höflichkeitsbekundungen sind sehr ausgeprägt und kommen Ausländern oft seltsam vor. Ein simples Beispiel: Dinge werden immer mit der rechten Hand übergeben. Die Linke dagegen ist ein klares Zeichen für Missachtung. Ich habe das Team von den wichtigsten Regeln in Kenntnis gesetzt. Alles andere kam ganz von alleine. Wenn man offen und lernwillig ist, kann man sich in der Mongolei schnell einfügen.

Was ist für Sie das Faszinierendste an der mongolischen Kultur?

Ich bin tief beeindruckt, mit welcher Fürsorge und Behutsamkeit sie mit der Natur umgehen. Es ist eine Form der Würde, die in den meisten Völkern abhanden gekommen ist. Wenn die Mongolen ihre Zelte abbrechen, danken sie ihrer Umgebung für den Aufenthalt. Sie stehen in enger Kommunikation mit der Natur und wirken dadurch mit sich selbst im Einklang.

Ihr Film lebt von der Bildgewalt, die Story dagegen ist teilweise recht langatmig. Sind Sie eher eine Bild- als eine Textregisseurin?

Das kann ich so nicht sagen. Für mich ist die Geschichte eigentlich der Kern des Films. In unserem Fall: Die Sage eines gelben Hundes, der in einer Höhle gefangen ist. Erst wenn ich ein Grundgerüst habe, suche ich Bilder, die die einzelnen Erzählstränge miteinander verweben.

Wie schwer fiel Ihnen dabei der Dreh mit Hunden, Assgeiern und mehreren Kleinkindern?

Tierdrehs sind mit einiger Raffinesse immer gut zu meistern. Hunde lernen schnell, vor allem, wenn ihnen eine Wurst in Aussicht steht. Kleinkinder dagegen sind problematisch, da man bei ihnen einfach nicht planen kann. Die Szenen mit ihnen basieren auch weniger auf Inszenierung als Beobachtung. Nur indem ich mich auf die Lauer legte, konnte es passieren, dass ich die Kids dabei erwische, wie sie morgens aufwachen und mit ihren Geschwistern herumtollen. In solchen Momenten hieß es: Kamera draufhalten und sehen was passiert.

Das erwachsene Ehepaar wusste, wie man sich bei einem Filmdreh zu verhalten hat?

Zumindest wussten die beiden, was ein Film überhaupt ist. Bei allem anderen waren sie sehr lernfähig, obwohl sie auch das einiges an Überwindung kostete. Denn am Anfang stand Skepsis und die Frage, warum ich gerade eine so durchschnittliche Familie wie sie portraitieren möchte. Ich musste ihnen erst alles erklären und Vertrauen aufbauen.

Sie sind selbst in der Mongolei aufgewachsen. Wie empfanden Sie mit diesem konventionellen Background den aufgesetzten Glamour bei der Oscarverleihung in Los Angeles?

Es war ein Erlebnis, das mir sehr viel Spaß gemacht hat. In gewisser Hinsicht war es auch eine Überraschung. Zum einen war der Verhaltenskodex wesentlich weniger streng, als ich im Vorfeld vermutet hatte. Zum anderen war ich erstaunt, wie locker die meisten der dortigen Stars drauf sind. Mein Fazit: In Hollywood leben auch nur Menschen. Dort wird genauso mit Wasser gekocht wie bei uns auch.

Johannes Bonke für Filmreporter.de am 24. Juli 2005.

Wie sind Sie auf das Thema Ihres dritten Films gekommen?

Durch Zufall! Eines Tages habe ich einen Anruf einer Bekannten erhalten, die in München einen mongolischen Laden betreibt. Sie fragte mich, ob ich die Sängerin Urna kenne. Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich von ihr zwar schon viel gehört, bis zu diesem Zeitpunkt aber noch nie ihre Musik gehört hatte. Urna sei gerade bei ihr zu Besuch und sie würde mich gerne kennen lernen. Ich hatte Zeit und bin spontan in den Laden gegangen. So habe ich Urna zum ersten Mal getroffen. Wir sind zwei Mongolinnen aus zwei verschiedenen Teilen der Mongolei, die sich in Deutschland treffen. Natürlich war die Teilung unseres Landes – Urna wurde in der Inneren Mongolei geboren, ich in der Äußeren – sofort ein Thema für uns. Wir haben lange darüber gesprochen und uns auf den verschiedensten Ebenen über das jeweils andere Leben, die unterschiedliche Situation ausgetauscht. Urna hat mir eine CD geschenkt. Zu Hause habe ich sie mir gleich angehört und die Musik hat mir unglaublich gut gefallen. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir regelmäßigen Kontakt, aber rein auf privater Ebene.

Nachdem ich meinen Film „Die Höhle des Gelben Hundes“ und mein Studium an der HFF in München beendet hatte, suchte ich nach neuen Filmthemen. Da ich immer wieder auf die Musik und Symbolik meines Heimatlandes angesprochen werde, habe ich Urna ein Filmkonzept vorgestellt, das sie als Sängerin zurück in das Heimatland der Mongolen führt. Wie in allen meinen Filmen entstehen jedoch viele Geschichten aus fast zufälligen Begegnungen mit Menschen, die wir vor Ort treffen. Unser Team und Urna haben hier sehr fl exibel arbeiten müssen. Doch die Mühe hat sich gelohnt und wir haben wunderbare Filmszenen und Geschichten erhalten.

Das Lied „Die zwei Pferde des Dschingis Khan“ spielt im Film eine besondere Rolle. Was ist die Grundaussage des Lieds und warum ist es so wichtig für die Mongolen?

Die Geschichte, das Lied stammt aus dem Mittelalter, aus der Zeit des großen Khans. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis zur Entstehungsgeschichte. Im Mittelalter wurden viele Personen einfach animalisiert, in Fabeln versteckt. Man vermutet hinter den zwei Pferden Weggefährten des Dschingis Khan, die den Khan verließen, jedoch später wieder zu ihm zurückkehrten. Treue war für Dschingis Khan die wichtigste Tugend und elementar für die Eroberung eines so riesigen Reiches. Das Lied ist derzeit so beliebt, weil es uns die Verbindung zu Dschingis Khan, zu unserer Geschichte wiederherstellt. Heute hat das Lied jedoch noch eine weitere Bedeutung erhalten und steht auch symbolisch für das geteilte Land, für die getrennten Brüder.

Wie haben Sie die Protagonisten Ihres Filmes gefunden? Besonders die uralte Sängerin beeindruckt sehr durch ihre Präsenz.

Auch hier meinte es der Zufall wieder gut mit mir. Wir drehten in Ulaanbaatar als die politischen Unruhen begannen. Wir beschlossen, so schnell wie möglich die Hauptstadt zu verlassen und aufs Land zu fahren. In einem Provinzzentrum, ca. 400 Kilometer von der Stadt entfernt, wollten wir auf dem Markt einkaufen gehen. Unser Fahrer hat uns dann erzählt, dass in der Gegend eine alte Frau lebt, eine alte Sängerin. Wir sind gleich zu ihr gefahren, um sie zu sehen. Sie ist über 80 Jahre alt. Wir wussten nicht, ob sie sich mit uns unterhalten, geschweige denn sich fi lmen lassen würde. Sie war einfach großartig, hat ständig Scherze gemacht und war so lebhaft wie ein junges Mädchen. Am Ende haben wir vier Tage mit ihr gedreht. Länger konnten wir sie nicht beanspruchen, da sie mit ihren Freundinnen zusammen Geburtstag feiern wollte, ein Gruppengeburtstag sozusagen. Hierfür musste sie noch einiges vorbereiten. Die Arbeit mit uns hat ihr Spaß gemacht. Sie hat uns viele Geschichten aus ihrem Leben, aus ihrer Kindheit erzählt.

Urnas Weg führt auch zum Schamanen. Ist der Schamanismus heute noch tief in der mongolischen Kultur verankert?

Auch der Schamanismus feierte seit 1990 eine Art Wiedergeburt. In den Jahren der russischen Vorherrschaft wurde der Schamanismus – wie auch der Buddhismus – nur im familiären Bereich ausgeübt und weitergegeben. Die Schamanen wurden verfolgt, die Situation war nicht ungefährlich. Heute gibt es leider auch viele Scharlatane unter den Schamanen, die die neue Situation ausnutzen. In den Zeiten des Dschingis Khan war der Schamanismus zur Staatsreligion ernannt worden. Der Khan hatte seinen Staatsschamanen, der die eine oder andere Prophezeiung natürlich für die Zwecke des Herrschers manipuliert haben dürfte.

War es schwierig, den Schamanen zu überzeugen, ihn zu drehen?

Echte Schamanen lassen sich aus religiösen Gründen leider nicht filmen. Jedoch wollten wir aus Überzeugung keinen der Scharlatan-Schamanen in den Film einbinden. Daher haben wir uns entschlossen, die religiösen Tanzszenen mit Hilfe von Re-Enactments originalgetreu nachzustellen.

Was ist das besondere an der mongolischen Musik?

Ich möchte an dieser Stelle von der Besonderheit des Long Song sprechen, der von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Diese Liedform gibt es nur in der Mongolei und ist aus der Anpassung an das Leben in der Steppe entstanden. Man kann mit dieser Gesangstechnik mehrere stundenlang auch auf dem Pferderücken singen, eine einzige Strophe dauert oft bis zu zehn Minuten. Bei der europäischen Gesangstechnik wird der Mund sehr stark aufgemacht und bewegt, die mongolische Technik ähnelt eher dem Ein- und Ausatmen. Auf dem Pferd wäre auch eine zu starke Mundbewegung nicht ganz ungefährlich.

Die Mongolen haben eine besondere Beziehung zur Musik, viele ihrer Geschichten werden in Lieder umgesetzt. Ist das heute noch so? Singen die Mongolen wirklich, „wenn Sie den Mund aufmachen“?

Leider immer weniger. In den langen Winterabenden gibt es jetzt durch die modernen Medien andere Unterhaltungsmöglichkeiten als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Früher gab es in Gegenden ohne Strom im Winter ab halb fünf Uhr nicht viele Möglichkeiten den Abend zu gestalten. Man versammelte sich in großen Jurten, das Feuer prasselte und bei Kerzenlicht erzählte man sich Geschichten. Das wird jetzt durch Fernsehen und Radio ersetzt. Durch die neue Entwicklung ist ein Stück Erzählkultur verloren gegangen. Geschichten werden heute hauptsächlich auf der Bühne und in Büchern erzählt.

Ja – die Mongolen singen gern. Besonders auf dem Land ist das Singen nach wie vor stark verwurzelt. In der Stadt bedient man sich in der heutigen Zeit auch der neuen Technik und singt Karaoke.

Uns liegt das Singen im Blut, wird durch die Natur und das Leben in der Steppe vorgegeben. Man muss singen, sonst kann man nicht überleben. Oft ist man tagelang im Sattel unterwegs und viel allein. Ohne das Singen würde man vielleicht verrückt werden. Auch der Umgang mit den Tieren und unsere Rituale sind eng mit Gesang verbunden. Vielleicht ist das Singen für uns eine Überlebensform, eine Taktik, um in der Steppe existieren zu können.

Die Pferdekopfgeige ist ein ganz besonderes Instrument. Ist sie heute noch ein fester Bestandteil der Musikkultur in der Mongolei?

Ja, das ist sie und ich bin sehr stolz darauf, dass diese Kultur bis heute noch so gepfl egt wird. Ohne die Pferdekopfgeige geht in der mongolischen Musik nichts. Sie ist ein Teil unserer Identität, sie ist ein rein mongolisches Instrument. Aber ich schäme mich sehr für den Überfall auf den Kulturpalast in Ulaanbaatar in 2008, bei dem alle Instrumente und Kostüme des Pferdekopfgeigen-Ensembles zerstört wurden, die wir im Film noch sehen.

Viele Mongolen lernen heute noch die Pferdekopfgeige zu spielen. Sie ist auch ein fester Bestandteil der Ausbildung an der Musikhochschule. Neu ist, dass heute auch Frauen, im Gegensatz zu früher, das Instrument spielen lernen. Das war früher eine Männerdomäne, ein Männerinstrument.

Wie präsent ist im Volk heute noch der Name des großen Khan? Was bedeutet er den Menschen noch?

Nach der Wende gab es in der Äußeren Mongolei eine Art Wiedergeburt des Dschingis Khan. Bis dahin war alles verboten gewesen, was nationale Identität unterstützte. Heutzutage ist man wieder stolz auf den großen Khan, er ist fast zu einer heiligen Figur mutiert. Parallel ist er jedoch auch zum Vermarktungsmittel vieler mongolischer Marken degradiert worden. So gibt es zum Beispiel Khan- Bräu und Dschingis-Bräu, Biermarken, die beide von deutschen Brauereien hergestellt werden.

Im Abspann des Films erfahren wir, dass die alten Instrumente und Kostüme des Pferdekopfgeigen-Ensembles zerstört wurden. Was genau geschah im Sommer 2008 in Ulaanbaatar?

Im Sommer wurden in der Äußeren Mongolei die 5. Parlamentswahlen unserer Landesgeschichte abgehalten. Während der Wahl kam es zu Unstimmigkeiten, man spricht von Wahlbetrug. Demonstrationen vor dem Hauptgebäude der kommunistischen Partei gerieten außer Kontrolle. Es wurde geplündert und zerstört. Neben dem Parteigebäude befindet sich der Kulturpalast, der das Nationalorchester, das Pferdekopfgeigen-Ensemble, die Kinderbibliothek und die Kunstgalerie beheimatet. Demonstranten und Plünderer zerstörten alles, was sich im Kulturpalast befand.

Ist das Ensemble wieder aufgebaut?

Ja, dem Himmel sei Dank. Es wurde sofort durch Spenden unterstützt, trotzdem haben sich die Menschen in der Mongolei in einer schwierigen finanziellen Situation befunden. Am 11. Juli feiern wir seit 1921 unser Unabhängigkeitsfest. Doch eine Feier ohne dieses Ensemble, ohne Pferdekopfgeigen, wäre ganz undenkbar. Die Kostüme und Instrumente sind ersetzt worden, aber die seelischen Wunden und Narben bleiben.

Im Film wird auch die Goldgewinnung, der damit verbundene Raubbau an Natur und Mensch angesprochen. Stimmt es, dass vor allem westliche Länder dafür verantwortlich sind?

Wir Mongolen sind wirtschaftlich nicht in der Lage, das Werkzeug zur Goldgewinnung selbst herzustellen oder zu kaufen. Deshalb stellen uns die Industrienationen die Geräte zur Verfügung. Eine gerechte Verteilung der Güter gibt es leider nicht. So werden in der heutigen Äußeren Mongolei die Menschen trotz Goldgewinnung immer ärmer, da sich durch Korruption nur wenige den Gewinn teilen. Umweltschutzgesetze wie z.B. in Europa gibt es noch nicht, doch wehren sich immer wieder Organisationen gegen den Raubbau an der Natur. Aber man regelt die Konflikte einfach mittels Geld. Es ist eine neue Situation für mein Land, die Leute müssen erst lernen, damit umzugehen.

Urna erzählt im Film, dass die Geige der Großmutter der Kulturrevolution zum Opfer fiel. Wie groß ist der Verlust der alten Traditionen und Bräuche der Mongolen im heutigen China?

Bis zur Wende 1989 mussten wir in der Äußeren Mongolei natürlich mit den Russen zusammenleben, was unsere Kultur auch stark beeinflusst hat.

Wir haben zunächst mit vielen alten Traditionen und Bräuchen brechen müssen. Auch Religion wurde verdrängt. Doch der größte Unterschied zwischen den beiden „Mongoleien“ ist, dass es in der Inneren Mongolei keine Nomaden mehr gibt. Die Tiere dürfen nicht frei umher laufen, sie befinden sich nur auf eingezäunten Weiden. In der Äußeren Mongolei hingegen haben wir die Freiheit des Nomadentums noch heute. In der Inneren Mongolei gab es zudem den Zwang zur Sesshaftigkeit. Das haben wir im Film angesprochen. Ein anschauliches Beispiel für die Kulturrevolution in China gibt der Film „LEBEN!” von Zhang Yimou. Das Verbot der alten Kultur war eine Revolution, die Spuren hinterlassen hat.

Urna kommt von der Inneren Mongolei, Teil des heutigen Chinas, in die Äußere Mongolei. Kaum jemandem dürfte bewusst sein, dass auch die Mongolei eine geteilte Nation ist.

Wie geht die heutige Generation mit der Teilung um? Sehnt man sich nach einer Wiedervereinigung?

Es gibt eine Sehnsucht nach Vereinigung, ja, aber beide Teile gehen damit unterschiedlich um, empfinden die Trennung auch nicht identisch.

Erst seit ein paar Jahren, seit Beginn der 90er Jahre, konnten wir gegenseitig unsere Radio- und TV-Programme empfangen. Erst seit diesem Zeitpunkt gab es wieder Kontakt zwischen der Inneren und der Äußeren Mongolei. Davor hörte man nur Gerüchte und Legenden über den jeweils anderen, was schon fast einen märchenhaften Charakter annahm. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR gab es wieder den Austausch zwischen den Ländern, wobei ich sagen muss, dass die Menschen in der Inneren Mongolei eine größere Sehnsucht nach der Äußeren Mongolei haben als umgekehrt. Das liegt sicherlich daran, dass die Äußere Mongolei schon damals eine Republik, ein autonomes Land war, wenn auch unter sowjetischer Vorherrschaft. Das besondere Schicksal unseres Volkes war und ist es, zwischen zwei Weltmächten leben zu müssen, quasi als Puffer.

Da die Äußere Mongolei seit 1921 ein Satellitenstaat der UdSSR war, haben sich sehr viele russische Einflüsse in unser Alltagsleben eingeschlichen. Die Inneren Mongolen jedoch wurden stark durch die chinesische Kultur geprägt. Man sieht das am offensichtlichsten bei den Speisen, an der Entwicklung der Sprache und der Schrift. Während meines Aufenthalts in Peking erzählte mir ein Mongole aus der Inneren Mongolei, dass man die Sprache der Äußeren Mongolei für die reine mongolische Sprache halte. Jedoch sagen wir genau dasselbe über die Sprache der Inneren Mongolei. Auf jeden Fall ist eine gegenseitige Wertschätzung da.

In der Äußeren Mongolei ist es jedoch ein Tabu, über eine mögliche Wiedervereinigung, über die politische Dimension der beiden Länder zu sprechen. Wie in der Tibetfrage werden in der Inneren Mongolei Menschen, die ihre Ansicht offen äußern, bestraft und sind in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gescheitert.

Die Äußere Mongolei ist nach dem Auseinanderfallen der UdSSR unabhängig geworden. Wie hat sich hierdurch das Leben verändert?

Durch den Zerfall der UdSSR hat sich viel verändert. Die wichtigste Änderung ist: die Welt hat sich für uns wieder geöffnet. Früher konnten wir nicht privat reisen und Geschäftsreisen wurden streng kontrolliert und reglementiert. Vor der Wende durften wir nicht in die Innere Mongolei reisen und umkehrt die Inneren Mongolen nicht in die Äußere Mongolei fahren.

Sie leben schon viele Jahre in Deutschland. Hat sich ihr Blick auf die Heimat durch die räumliche Distanz verändert?

Durch die Distanz habe ich mein Volk letztlich noch viel besser kennengelernt. Dinge, die ich für alltäglich oder selbstverständlich hielt, lerne ich heute ganz anders wertzuschätzen. Aus der Ferne ist die Sicht eine andere. Daraus sind Geschichten entstanden, die auch in meine Filme eingeflossen sind.

Kann Ihr Film DAS LIED VON DEN ZWEI PFERDEN nach DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL und DIE HÖHLE DES GELBEN HUNDES als letzter Teil einer Trilogie verstanden werden?

Nein. Mein dritter Film spielt zwar auch wieder in der Mongolei, so dass man auf die Idee einer Trilogie kommen könnte. Doch mein aktueller Film hat einen neuen Ansatz, sucht frische Bilder und hat eine andere Stimmung. Meine Filme DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL und DIE HÖHLE DES GELBEN HUNDES habe ich an einem Ort und in einer eher traditionellen Erzählweise gedreht. Die Filme zeigen eine Lebensform, die es in der Mongolei immer weniger gibt.

In DAS LIED VON DEN ZWEI PFERDEN wollte ich bewusst einen anderen Ansatz wählen, nicht dieselben altbewährten ethnischen Denkmuster meiner anderen Filme wiederholen und nicht nochmals die „heile Welt“ der Nomaden darstellen. Daher kommt meine Protagonistin Urna aus dem Ausland, als „Fremde“ in die Mongolei, da sie sich auf die Suche nach ihren kulturellen Wurzeln macht. Sie kommt in der Hauptstadt an, die sich in vielen Punkten nicht von anderen Großstädten unterscheidet. Von dort aus beginnt ihre Reise in den Norden und den Westen des Landes. Dabei rückt die Vielfalt des Landes, die Gegensätze von Altem und Neuem, die verschiedenen Menschen, denen sie begegnet in den Mittelpunkt des Films. Mein Perspektive auf mein Land einlässt. Dadurch wird er näher kommen als in meinen beiden ersten Filmen.

Wie wird der nächste Film von Ihnen aussehen? Bleiben Sie dem Dokumentarfilm treu oder können Sie sich auch vorstellen, einen fiktionalen Stoff umzusetzen?


Ich kann mir beides gut vorstellen. Doch bin ich kein Verfechter der klaren Genre-Einteilung bzw. Trennung. Mir geht es in erster Linie darum, gute Geschichten zu erzählen. Ob es sich dann dabei um einen Dokumentarfilm mit fiktionalen Elementen oder um einen fiktionalen Film mit dokumentarischen Elementen handelt, ist mir relativ gleichgültig. Vielleicht passt für DAS LIED VON DEN ZWEI PFERDEN der neumodische Begriff des Dokudramas gut. Ich mache mir schon Gedanken über neue Projekte, aber bis jetzt ist noch nichts spruchreif.